Zu Besuch in Hebron: Ashraf Jabari, ein mutiger Mann [Video]

Zu Besuch in Hebron: Ashraf Jabari, ein mutiger Mann [Video]


Die Fahrt nach Hebron verlief dramatisch. Hagel ist selten in Israel, vielleicht einmal im Jahr ein paar Minuten, und diese Minuten hatten wir erwischt.

Zu Besuch in Hebron: Ashraf Jabari, ein mutiger Mann [Video]

Von Orit Arfa (Video) und Chaim Noll (Text)

Orit fuhr langsam, fast Schritt, während Eiskörner gegen die Frontscheibe prasselten. Ein Unfall in den „Palästinenser-Gebieten“ kann zu größeren Komplikationen führen. Es gibt hier keine Verkehrspolizei, nur die israelische Armee, Befragungen sind zu überstehen und bürokratischer Kram, noch dazu in Corona-Tagen und mit einem Mietwagen aus Tel Aviv. Lieber kamen wir eine halbe Stunde zu spät. Faddel, der Mann, der uns am Checkpoint abholte, um uns in den arabischen Teil der Stadt zu bringen, machte einen Scherz darüber: Von deutschen Besuchern hätte er „Pünktlichkeit“ erwartet...

Er fuhr uns in einem großen weißen Auto zu Ashraf Jabari, einem palästinensischen Geschäftsmann. Ashraf ist unter anderem dadurch bekannt geworden, dass er – obwohl die offizielle Palästinenser-Behörde das Ereignis boykottierte – an einer von den Amerikanern organisierten Konferenz „Peace Through Prosperity“ teilnahm, die im Juni 2019 im Golfstaat Bahrein stattfand. Hier trafen sich arabische Unternehmer aus mehreren Ländern, die den sinnlosen Boykott der Arabischen Liga gegen Israel satt haben und mit dem prosperierenden jüdischen Staat Geschäfte machen wollen. Ashraf führte eine Gruppe von palästinensischen Geschäftsleuten, und er gab Erklärungen ab, die aufhorchen ließen: „Neunzig Prozent der palästinensischen Nation will diesen ganzen Konflikt vergessen, die Gewalt, die Kriege, den Terrorismus. Ihnen ist egal, ob sie Bürger eines eigenen Staates sind, sie wollen, dass wir hier ohne Hass zusammenleben.“

Ashraf wohnt in einem riesigen Haus, einer Art Palast, er gehört zu einer reichen, bekannten Familie in Hebron. Wir treten in einen großen Vorhof, von dort durch eine gläserne doppelflügelige Schiebetür in einen Empfangsraum von etwa hundert Quadratmetern Größe, honigfarbene Fliesen, die Wände in sanftem Gelb, im hinteren Teil eine gewaltige Sitzgruppe aus Sofas und Sesseln, davor goldene Kaffeekannen und ziseliertes Geschirr auf kleinen Tischen. Indirekte Beleuchtung, Glastüren mit kunstvollen Intarsien. Ich bestaune die handwerkliche Perfektion. Keine Bilder, dafür eine große arabische Kalligraphie als Relief an der Wand, ein Koran-Vers, wie mir Faddel erklärt, aus der Sure Al-tawba, zu deutsch „Die Umkehr“.

Ashraf – wie es das Los der meisten arabischen Männer will – ist nie allein. Man wächst auf unter Brüdern und Cousins, überwacht von Vätern und Onkeln, und so bleibt es auch später. In Ashrafs Fall ist ständige Anwesenheit Anderer auch aus Sicherheitsgründen notwendig. Er ist einer der schärfsten öffentlichen Kritiker der, wie er sie nennt, „korrupten Palästinensischen Autorität“ des „Präsidenten“ Mahmud Abbas, und der junge Mann, der als Dritter am Gespräch teilnimmt, sieht nach Fitness-Center und Kampfsport aus, er bleibt schweigend im Hintergrund, gießt uns aus großen Kannen Kaffee ein, manchmal spüre ich seinen wachsamen Blick.

„Nicht ein einziges Krankenhaus wurde für uns und unsere Kinder gebaut“

Wir sind schnell beim Thema. Geübt in öffentlicher Rhetorik, bemüht sich Ashraf um gemessenen Duktus seiner Rede, um eine ruhige Stimme. Nur wenn er von der Abbas-Behörde zu sprechen beginnt, spürt man seinen Ärger, seine Verachtung. Er macht eindeutig sie, nicht die Israelis, verantwortlich für die Misere der Palästinenser. „Was haben sie mit dem ganzen Geld gemacht“, fragt er, „das sie von den Europäern bekommen, von den Amerikanern und auch von Israel?“ Drei- bis vierhundert Millionen Dollar, rund eine Milliarde Schekel, erhielten sie jährlich an Steuer-Rückzahlungen vom israelischen Staat, wie im Oslo-Abkommen vereinbart, für die in die hunderttausende gehenden Palästinenser, die für israelische Arbeitgeber arbeiten, sei es für israelische Unternehmen in den joint venture Industrieparks, sei es „auf der anderen Seite des Zauns“, in „proper Israel“, wo palästinensische Arbeiter fast alle Häuser bauen, oder in den viel geschmähten jüdischen Siedlungen. „Was geschieht mit dem Geld? Nicht ein einziges Krankenhaus wurde für uns und unsere Kinder gebaut, nicht eine Schule haben sie finanziert. Es verschwindet in ihren Taschen, für ihre persönlichen Zwecke.“

Ashraf betont, dass sein Ansatz kein politischer sei, sondern ein wirtschaftlicher. Als Geschäftsmann müsse er rechnen. „Und wie sieht die Wirklichkeit aus? Fünfundneunzig Prozent unserer Waren kommen aus Israel. Fast alles, was wir haben, ist aus Israel.“ Auch die Arbeit komme aus Israel: Rund fünfzigtausend Palästinenser stehen in Lohn und Brot bei den jüdischen Siedlern, mehr als hunderttausend gehen täglich über die dreiundzwanzig Grenzübergänge ins israelische Kernland, um dort zu arbeiten. Er erklärt Orit, der Berlinerin, wie es funktioniert: Sie fahren in ihren Autos zum Checkpoint, gehen zu Fuß durch die Sicherheitskontrollen, und auf der israelischen Seite warten die Busse ihrer israelischen Arbeitgeber – bei uns im Negev meist Beduinen, also Araber, die israelische Staatsbürger sind. „Zwei Millionen Araber sind Bürger des Staates Israel“, sagt  Ashraf, „warum kann dann nicht eine Million jüdische Siedler auf unserem Gebiet leben?“

Denn dieser Zahl nähere sich nach seiner Schätzung die Zahl der Juden, die in Ost-Jerusalem und den shtachim, den „Gebieten“ lebe. Offiziell wird ihre Zahl mit über siebenhunderttausend angegeben. Als ich vor fünfundzwanzig Jahren nach Israel einwanderte, waren es zweihunderttausend, in der Tat sind „die Siedler“ mit über fünf Kindern pro Elternpaar die am schnellsten wachsende israelische Bevölkerungsgruppe, ihre Geburtenrate ist deutlich höher als die der Palästinenser. Beide Ökonomien wachsen stark. Der Andrang der palästinensischen Arbeiter an den Checkpoints ist so groß, dass es zu Staus und Verkehrsbehinderungen kommt. Allein am Übergang zwischen dem Hebron-Gebiet und Beer Sheva, in dessen unmittelbarer Nähe ich lebe, wechseln täglich dreizehntausend Palästinenser auf unsere Seite, um hier zu arbeiten.

Als Zeuge dieses Andrangs kann ich Ashrafs Angaben bestätigen. Auch, als er Orits Frage, ob viele Palästinenser dächten wie er, mit Ja beantwortetet. Ich weiß nicht, ob es neunzig Prozent sind, wie er sagte, aber unter den palästinensischen Arbeitern, mit denen ich in der Wüste ein Haus gebaut habe, war die Mehrheit nur allzu gern bereit, unter israelischer Verwaltung zu leben: „Gebt uns die israelische Staatsbürgerschaft und ihr habt keine Probleme mehr mit uns“. Doch viele Israelis sind anderer Meinung: Sie fürchten, eine neuerdings diskutierte „Annexion“ der „Palästinenser-Gebiete“ würde, wenn nicht zu einer arabischen Bevölkerungsmehrheit (was angesichts der explosiven jüdischen Demographie unwahrscheinlich ist), so wenigstens zu dominierendem Einfluss der arabischen Parteien auf Israels Politik führen. Gerade das, die Möglichkeit, Parteien zu gründen und zu wählen, sich am demokratischen Prozess zu beteiligen, ist für Ashraf Jabari und seine Freunde Ziel ihrer Sehnsucht. Bei ihnen in den „Gebieten“, unter der despotischen Herrschaft des Fatah-Clans um Mahmud Abbas, gibt es nichts davon.

„Die EU bezahlt, aber das meiste Geld wird gestohlen“

„Also, wie ist die Realität?“, fragt Ashraf. „Wirtschaftlich gesehen, sind die Palästinenser-Gebiete längst ein Teil Israels.“ Der Weg zum Frieden mit Israel führe nicht über die Politik, die sei korrupt und festgefahren, sondern über die Wirtschaft. Er nennt das neue Konzept hebräisch „ha derech kalkali“, deutsch: der ökonomische Weg. Die Ökonomien beider Völker seien inzwischen in eine verschmolzen. „Wir leben von Israel“, wiederholt er, „fast alles, was wir haben, kommt von dort – wozu dann der Krieg?“ Vom Dauer-Konflikt mit Israel profitiere nur die Palästinensische Autonomiebehörde, jenes aus der Fatah-Bewegung Arafats hervorgegangene, Unmengen Gelder schluckende Gebilde, das die Europäer und die meisten internationalen Gremien fälschlich für die legitime Interessenvertretung der Palästinenser halten.

Was die Legitimität betrifft: Abbas‘ Amtszeit war eigentlich 2009 abgelaufen, über die Zusammensetzung des Parlaments, des palästinensischen Legislativrats, hätte 2010 abgestimmt werden müssen. Wahlen stehen aus seit 15 Jahren, und erst jetzt, da der neue amerikanische Präsident Biden eine Rückkehr zu den von Trump ausgesetzten Hilfszahlungen von Neuwahlen abhängig macht, bequemt man sich dazu. Zumindest wurden Neuwahlen für dieses Jahr „angekündigt“ – es wird von der Konsequenz der ausländischen Sponsoren abhängen, ob es wirklich dazu kommt. Das ist jedoch einer der kleineren Einwände, den Ashraf Jabari gegen die Palästinenser-Behörde des „Präsidenten“ Abbas vorbringt. Viel entscheidender, für das Leben der Palästinenser bedrückender sei die Korruption. „Es ist Diebstahl“, sagt er. „Die EU bezahlt, aber das meiste Geld wird gestohlen. Siebzig Prozent der Hilfsgelder verschwinden in den Taschen der Funktionäre. Von dem, was die Europäer zahlen, bekommen wir fast nichts.“

Die Europäer müssten, anders als bisher, die Verwendung ihrer Steuergelder genau überprüfen, sonst nützen sie nicht der palästinensischen Bevölkerung, sondern schaden ihr. Indem sie eine korrupte Behörde am Leben erhalten, die alles tut, um die Lösung der Probleme zu verhindern. Er kenne die Palästinensische Autonomiebehörde gut, wisse viel über sie, denn er habe fünfzehn Jahre für sie gearbeitet. „Sie verdienen Geld an diesem Konflikt. Sie wollen keine wirklichen Verhandlungen. Sie wollen keine Lösung des Konflikts. Gebt euer Geld denen, die es brauchen, nicht den Dieben und den Korrupten.“ Mit anderen Worten: So, wie die Europäische Union und Deutschland bisher ihr Geld einsetzen, sind sie mitverantwortlich für die Fortsetzung des „Palästinenser-Konflikts“ und des Terrors, für die getöteten Juden und die schlechte Lage der Palästinenser.

Die Corona-Monate, sagt Ashraf, hätte die palästinensische Ökonomie nur überstanden, weil ihre Arbeiter weiter in Israel arbeiten konnten. „Wenn die Palästinenser nicht ihre Arbeit in Israel hätten, was würde mit der palästinensischen Wirtschaft geschehen? Sie würde kollabieren.“ Er widerspricht den europäischen Medien, ihren neuesten Beschuldigungen, denen zufolge Israel, wo die Corona-Impfungen schnell vorangehen, den Palästinensern den Impfstoff vorenthielte. Die Wahrheit sei, dass die palästinensische Behörde unbedingt Impfstoff aus Russland beziehen wollte, der nun offenbar nicht eintrifft. „Sie haben einen Deal mit den Russen. Man hat ihnen Impfstoff angeboten, aber sie wollten ihn nicht. Sie wollen den aus Russland.“

Wir verlassen Ashraf mit neuen Einsichten, fast zu viel für einen Tag, und werden einige Zeit brauchen, das alles zu begreifen. Ashraf, jetzt Mitte Vierzig, war zwanzig, als wir hier einwanderten, als das Oslo-Abkommen unterschrieben wurde und kurz darauf der Terror ausbrach. Die zweite Intifada. Er hat die Zeit seither zum Nachdenken genutzt. Und er ist wirklich ein mutiger Mann, wenn er das alles ausspricht, mitten unter denen, die er anklagt. Sein kleiner Sohn, vielleicht zehn Jahre alt, kommt irgendwann in den Saal, setzt sich neben den Kampfsportler auf eines der Sofas und sieht uns aufmerksam an. Ein paar Minuten lang, ehe er wieder aufsteht und geht. Wenigstens dieser Junge wird nicht zum Hass auf Juden erzogen, denke ich, zum Hass auf Israel. Und hoffentlich sind es noch ein paar mehr.

 

 


Autor: Chaim Noll
Bild Quelle: Archiv


Mittwoch, 03 Februar 2021

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