Der wahre Umfang der Corona-Wirtschaftspleiten

Der wahre Umfang der Corona-Wirtschaftspleiten


Seit 2. November befindet sich Deutschland in einem zweiten Lockdown. Vieles bleibt bei der „Light-Variante“ im Vergleich zum Lockdown im Frühjahr unverändert, manche Dinge werden anders angegangen.

Der wahre Umfang der Corona-Wirtschaftspleiten

Von Christian Demant

Der abgewandelte Maßnahmen-Katalog und die damit verbundene geänderte Vorgehensweise wurden mit dem politischen Ziel begründet, dieses Mal die Schulen offen zu halten und die Wirtschaft zu schützen, wobei bei letzterem unklar blieb, welche Bereiche der Wirtschaft hiermit genau gemeint sind, schließlich werden für den Schutz der Wirtschaft einzelne, nicht unerhebliche Wirtschaftsbereiche gezielt heruntergefahren.

Bei allen staatlichen Maßnahmen spielt die Angemessenheit eine zentrale Rolle. Um die Angemessenheit der neuerlichen Einschränkungen beurteilen zu können, ist eine möglichst umfassende Einschätzung der damit verbundenen Kollateralschäden hilfreich. Hierzu möchte ich zwei Aspekte des Lockdowns etwas genauer beleuchten, um grundsätzliche Defizite im Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge auf Seiten der Verantwortlichen aufzuzeigen.

Bereits der erste Lockdown ab März zwang eine Vielzahl von Unternehmen in existenzielle Krisen. Nicht nur bei den großen Airlines war über Nacht das ganze Geschäft weggebrochen, auch viele mittelständische Betriebe, Klein- und Kleinstunternehmen sowie Soloselbstständige sahen sich einem Berufsausübungsverbot ausgesetzt. Um die Fronten im Kampf gegen das Virus zusammenzuhalten hat die Regierung bereits im Vorfeld des zweiten Lockdowns versucht, über die Zusage von vermeintlich großzügigen Wirtschaftshilfen an Unternehmen, Selbstständige und Vereine die Lage frühzeitig zu beruhigen.

, um damit ein weiteres Mal eine angeblich bevorstehende Überlastung unseres Gesundheitssystems zu vermeiden.

Viel mehr Unternehmen betroffen als dargestellt

Ein genauerer Blick auf die Implementierung der Hilfszahlungen liefert einige interessante Einblicke, wie sich unsere politisch Verantwortlichen das Funktionieren der freien Wirtschaft vorstellen. Anhand der zahlreichen Verordnungen und Kommentare auf den Webseiten der Ministerien lässt sich identifizieren, dass aus staatlicher Sicht die Unternehmen in Bezug auf den Lockdown in drei Kategorien unterteilt werden: Durch Schließung direkt betroffene Unternehmen, indirekt betroffene Unternehmen (weil sie beträchtliche Umsätze mit direkt betroffenen Unternehmen generieren) und nicht betroffene Unternehmen. Diese Einteilung klingt im ersten Moment plausibel, ist aber bei näherer Betrachtung hochgradig problematisch, denn durch die umfangreichen Einschränkungen sind viel mehr Unternehmen – oder ganz allgemein gesprochen Marktteilnehmer – betroffen als in der Öffentlichkeit dargestellt.

Damit die Unternehmen und ihre Beschäftigten „in dieser ernsten Lage“ nicht alleine gelassen werden, kommt es im Rahmen der Novemberhilfe zur Ausschüttung von weiteren 10 Milliarden Euro Hilfsgeldern an die von den Einschränkungen „besonders Betroffenen“. Bereits in der letzten November-Woche 2020 sind entsprechende Antragsstellungen möglich, laut E-Mail-Rundschreiben der IHK sind erstmals auch „indirekt betroffene Unternehmen“ förderfähig. Als indirekt betroffen gelten Unternehmen, die „nachweislich und regelmäßig 80 Prozent ihrer Umsätze mit direkt betroffenen Unternehmen erzielen“. Diese Ausdehnung des Förderkreises geht in die richtige Richtung und ist grundsätzlich begrüßenswert, zeigt sie doch, dass die Bundesregierung dazugelernt hat und sich mittlerweile auch einer indirekten Wirkung ihrer teils drastischen Maßnahmen auf weitere Marktteilnehmer bewusst wird.

Blicken wir dazu kurz auf die direkt betroffene Gastronomie: Eine Brauerei zum Beispiel, die mangels Abnehmer auf einem Großteil des saisonal gebrauten dunklen Weihnachtsbiers nun mehr oder weniger sitzen bleibt, weil sie über 80 Prozent der üblichen November-Umsätze mit per Verordnung geschlossenen Gastronomiebetrieben macht, kommt entsprechend der Regularien nun auch in den Genuss der Novemberhilfe – so weit, so gut. Die Spedition hingegen, die im Auftrag der Brauerei hektoliterweise die Bierfässer zu den Kneipen fährt, hat Pech gehabt. Wer direkt mit lediglich indirekt Betroffenen Umsätze tätigt, geht leer aus. Auch die Kfz-Werkstatt, die regelmäßig die Wartung der zum Transport der Flüssignahrung eingesetzten Lastkraftwagen übernimmt, wird während der Dauer des aktuellen Lockdowns deutlich weniger zu tun haben, darf aber auch nicht auf direkte staatliche Unterstützung hoffen.

Versteckt im Hintergrund: Lieferketten

Eine Investition in Höhe von 3,50 Euro, ausgegeben auf dem Nachhauseweg nach der Arbeit in einer Eckkneipe für eine Halbe Weihnachtsbier, ein großes Glas Saftschorle oder eine Jumbo-Tasse Cappuccino, führt zu Umsätzen bei einer ganzen Kette von beteiligten Herstellern, Produzenten und Dienstleistern. Diese Lieferketten in unserer vernetzten Wirtschaft sind alles andere als offensichtlich und für Außenstehende daher oftmals schwer vorstellbar. Zudem sind diese Lieferketten selbst bei vermeintlich lokalen Produkten häufig international. Es ist beispielsweise nicht auszuschließen, dass eine für eine Brauerei tätige Spedition umfangreichere personalintensive Wartungs- und Reparaturarbeiten an den LKWs im grenznahen Ausland durchführen lässt, um Kosten zu sparen. Und ob der beim Brauprozess eingesetzte Hopfen aus deutscher Produktion stammt, ist ebenfalls nicht garantiert. Vollkommen unstrittig ist aber, dass weder die LKW-Werkstatt in Tschechien noch der Hopfenproduzent in Afrika mit Ausgleichszahlungen aus dem Bundesfinanzministerium rechnen können, selbst wenn der Umsatzausfall für diese Unternehmen existenzielle Folgen haben könnte.

Wie bereits dieses einfache Beispiel zeigt, sind die im Rahmen des Infektionsschutzes in die Wirtschaft erfolgten Eingriffe des Staates äußerst riskant, weil schnell weit abseits vom eigentlichen Zielgebiet Kollateralschäden entstehen. Wer aus Sicht des Gesetzgebers angeblich durch die Maßnahmen „nicht betroffen“ ist, kann eben doch massiv betroffen sein. Unsere Wirtschaft ist ein – je nach Betrachtung über Jahrzehnte, wenn nicht sogar über Jahrhunderte – gewachsenes komplexes System mit einer Vielzahl von Parametern. Für kurzfristig verordnete staatliche Stilllegungen einzelner Bereiche ein faires System der Schadensersatz- bzw. Ausgleichszahlungen zu finden wäre eine einzige Mammutaufgabe.

Eine individuelle Bedürfnisprüfung z. B. wäre aufgrund des bürokratischen Aufwandes bei Millionen von Unternehmen, Selbstständigen und Vereinen schlicht und einfach unmöglich. So muss es fast zwangsläufig bei einem groben Gießkannen-Ansatz bleiben, der möglichst vielen vermeintlich Betroffenen einigermaßen unbürokratisch über die Runden hilft. Man sollte sich aber nichts vormachen: Fehlanreize und Mitnahmeeffekte sind vorprogrammiert. Jeder Hobbygärtner weiß: Wenn von Hand mit der Gießkanne bewässert wird, bekommen ausgewählte Pflanzen immer zu viel Wasser und einzelne Zonen bleiben trotz bester Absichten trocken.

Riskant und oftmals wenig nachvollziehbar sind feste Schwellwerte: Wenn 80 Prozent Umsatzanteil erforderlich sind, um von Ausgleichszahlungen zu profitieren, dann gehen die Unternehmen, die lediglich 75 Prozent oder zwei Drittel ihres Umsatzes mit direkt Betroffenen machen leer aus. Hier stellt sich zwangsläufig die Frage: Sind die definierten 80 Prozent gerecht, sinnvoll und angemessen? Man fühlt sich an die seltsame 800-Quadratmeter-Regelung im Frühjahr erinnert, mit der in einzelnen Bundesländern der Einzelhandel anhand der Verkaufsfläche in Gut und Böse unterteilt wurde. Frust und Ärger sind bei derartigen Regelungen vorprogrammiert, die Gerichte werden die nächsten Jahre gut zu tun haben.

Tod der Handlungsreisen

Unangenehme Seiteneffekte vollkommen unerwarteter staatlicher Eingriffe in die Wirtschaft sind nicht das einzige Problem, mit dem die Akteure aktuell zu kämpfen haben. Erschwerend kommt hinzu, dass selbst Anordnungen, die zum Zwecke der Kontaktreduzierung vermeintlich „nur“ auf den Privatbereich der Bürger zielen, indirekt massive Auswirkungen auf die Unternehmen und insbesondere die Aktivitäten der verantwortlichen Unternehmer haben. Wenn der Staat Restaurants, Bars und Kneipen schließt, zugleich Hotels und Pensionen die Beherbergung von Touristen verbietet und zudem über einen Flickenteppich von Einreise- und Quarantäneregelungen jeden Grenzübertritt zu einem nervenaufreibenden Vabanquespiel macht, dann ist es selbst für Geschäftsreisende de facto unmöglich, eine Reise durchzuführen, obwohl die entsprechenden Verordnungen Ausnahmeregelungen vorsehen und „dringend erforderliche“ Geschäftsreisen in aller Regel nicht explizit verbieten.

Wer sich dennoch auf das Abenteuer einlässt und versucht eine geschäftlich motivierte Hotelübernachtung zu buchen, wird mit so mancher Überraschung konfrontiert. Viele Hoteliers haben ihren Betrieb bereits in eine Art vorgezogenen Winterschlaf versetzt. Einzelne Anbieter mit Kapitalreserven nutzen den Zusammenbruch der privaten, touristisch motivierten Nachfrage für lange geplante umfangreiche Renovierungsarbeiten in der Hoffnung auf bessere Zeiten. So mancher Hotelier wechselte bereits entnervt das angestammte Geschäftsmodell und betreibt seine Einrichtung zukünftig als Altersruhesitz.

Ähnlich herausfordernd gestaltet sich die Buchung von Flugreisen. Das Flugangebot dürfte seit Monaten auf unter 20 Prozent des Vorkrisen-Niveaus liegen, bereits gebuchte Flüge werden regelmäßig ohne Begründung annulliert oder die Flugzeiten kurzfristig wenig kundenfreundlich geändert. Selbst große, sehr international ausgerichtete Flughäfen haben nur noch sporadisch Flüge in die Hauptstädte der EU-Nachbarländer im Angebot. Nichts geht mehr.

Nun sind Geschäftsreisen kein Selbstzweck. Der überwiegende Teil der Reisenden nimmt die damit verbundenen Strapazen nur in Kauf, weil mit der Durchführung der Reise unmittelbar oder zumindest indirekt ein kommerzieller Nutzen verbunden ist. Während die CEOs der DAX-Konzerne mit den firmeneigenen Privatjets im wahrsten Sinne des Wortes über die organisatorischen Probleme hinwegfliegen, ist insbesondere der auf gewerbliche Kunden (Business-to-Business, abgekürzt B2B) zielende Mittelstand aktuell einer Vielzahl seiner Handlungs- und Verdienstoptionen beraubt. Folglich unterbleibt die Pflege bestehender Kontakte und Partnerschaften und neue Kunden können nur noch eingeschränkt akquiriert werden. Auch erweist sich aktuell die Kontrolle und Weiterentwicklung von im Ausland getätigten betrieblichen Investitionen (z. B. Tochtergesellschaften) als deutlich erschwert.

Gerade die Mittelständler, die in der Vergangenheit den Mut hatten sich dem internationalen Wettbewerb offensiv zu stellen, leiden aktuell massiv unter den Mobilitäts-Einschränkungen und verlieren dadurch monatlich an Schlagkraft. Video-Konferenzen können in einigen Fällen Entlastung bringen, aber gerade vertrauliche Meetings zwischen Inhabern, Führungskräften und Fachexperten erfordern weiterhin regelmäßig den Austausch von Angesicht zu Angesicht. Das Beharren auf vertrauensbildenden persönlichen Kontakten ist schlicht und einfach einer langjährigen Erfahrung im Geschäftsleben geschuldet und nicht, wie von manchen ahnungslosen Kritikern behauptet, ein konstruierter Vorwand, um sich der Auseinandersetzung mit neuen Kommunikations-Technologien zu entziehen. Auch Tesla-Chef Elon Musk war in den letzten Monaten mehrmals persönlich in Europa – mangelnde Innovationsbereitschaft lässt sich ihm sicher nicht vorwerfen. Viele, aber eben nicht alle Geschäftsprozesse lassen sich digital abbilden.

So hat selbst die Bundesregierung zwischenzeitlich glücklicherweise erkannt, dass sich nicht alle Geschäfte online abwickeln lassen. Die Bundeskanzlerin gab in der Pressekonferenz am 2. November unter anderem zu Protokoll, dass man beim ersten Lockdown im März „nicht überblickt [habe], dass mit dem Schließen eines Autohauses im Grunde der gesamte Absatz der Autos weg war.“

Von One to Zero: Das Messewesen als Corona-Opfer

Die Mobilitätseinschränkungen betreffen nicht nur unsere Gewerbetreibenden, denen Reisen ins Ausland mindestens erschwert werden, wenn nicht sogar komplett verwehrt bleiben. Umgekehrt bedeutet die aktuelle Situation auch, dass Reisende aus dem Ausland de-facto nicht mehr zu uns kommen können. Wenn dieser Aspekt im letzten halben Jahr in den Medien thematisiert wurde, dann bestenfalls unter dem Label Tourismus. Allzu viele Touristen aus Übersee dürften in diesem Jahr in der Tat noch nicht den Weg nach Europa gefunden haben, entsprechend beklagen beliebte Tourismus-Destinationen wie beispielsweise die Côte d’Azur in Frankreich oder das Berner Oberland in der Schweiz massive Umsatzeinbrüche. Auch in Deutschland kennt der Tourismus im Corona-Jahr nur Verlierer, denn fast 50 Prozent weniger Übernachtungen im Vergleich zum Vorjahr stellen die Branche vor große Herausforderungen.

Noch deutlich schmerzhafter unter strategischen Gesichtspunkten ist das Fernbleiben der Geschäftsleute. Wer macht sich aus Sao Paulo, Seattle oder Singapur auf den Weg nach Deutschland, wenn hier Hotels und Restaurants geschlossen sind und der einheimischen Bevölkerung aus Gründen des Infektionsschutzes in einer medialen Endlosschleife selbst von Verwandtenbesuchen und Ein-Tagestouren im Inland abgeraten wird. Ein unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten bedauernswertes und bisher bestenfalls in den Lokalnachrichten beachtetes Opfer dieser Entwicklungen sind die Messegesellschaften.

Insbesondere der exportorientierte Mittelstand nutzt Messen als Vertriebs-Plattform. Ob Baumaschine, Blechbearbeitungszentrum oder IoT-Device fürs „smarte Home“: Für eine Vielzahl technologieorientierter Branchen werden in Deutschland Fachmessen durchgeführt, die sich oftmals über Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte mit viel Engagement aller Beteiligten den Status einer internationalen Leitmesse erarbeitet haben und mittlerweile zu beeindruckenden Großveranstaltungen mit zum Teil Hunderttausenden von Fachbesuchern geworden sind. Messen gelten laut Verband der Deutschen Messewirtschaft als „Foren für Kommunikation und für Innovation, die den Weltmarkt abbilden“. 2019 präsentierten Zehntausende Aussteller ihre Produkte und Dienstleistungen insgesamt 10 Millionen Besuchern, von denen fast 3 Millionen Besucher aus dem Ausland anreisten. Deutschland mit seinen 25 Messeplätzen gilt weltweit als die Nummer 1 bei der Durchführung internationaler Messen. Aussteller und Besucher, ja selbst die ausländischen Wettbewerber bescheinigen den deutschen Messegesellschaften fast durchweg eine große Professionalität. Messebesuche in Deutschland waren für die internationalen Besucher ein attraktives All-Inklusive-Angebot: Gut ausgebaute und zentral gelegene Flughäfen, attraktive Messegelände mit einer modernen Infrastruktur, Hotels in jeder Lage und Preisklasse, Restaurants und Kneipen für jeden Geschmack, dazu für den Ausklang am Abend eine lebendige Kunst- und Kulturszene. Dennoch: Dieser für viele Unternehmen so wichtige Verkaufskanal ist seit Mitte März 2020 tot.

Zwar wurden im August – für Messeprofis teils absurde – Hygieneregeln verabschiedet, mit denen den Messen eine zumindest eingeschränkte Wiederaufnahme des Betriebes ermöglicht werden sollte. Für einige Publikumsmessen mit regionalem Einzugsgebiet wurden diese Handlungsoptionen nach der Sommerpause sogar genutzt, im B2B-Bereich verzichteten die Veranstalter allerdings freiwillig auf eine mögliche Durchführung, die Messen blieben bis auf Weiteres abgesagt. Ohne internationale Besucher ist das Abhalten einer Fachmesse für die Aussteller komplett sinnlos, das für die Messepräsenz investierte Geld wäre zum Fenster hinausgeworfen. Ein Wiederanlaufen der internationalen Messen ist aktuell noch nicht abzusehen, der erneute Lockdown ohne klar definierten Endzeitpunkt hat alle zart keimenden Hoffnungen zunichte gemacht. Aktuell stehen bis Ende März 2021 keine Veranstaltungen auf dem Kalender. Insider berichten, dass diverse Großveranstaltungen, die turnusmäßig für den Zeitraum vor der Sommerpause 2021 geplant sind, bereits zur Disposition stehen und das erste Halbjahr 2021 damit für die Messebranche „komplett gelaufen sei“. Dazu muss erwähnt werden, dass für die erfolgreiche Durchführung einer Messe bei allen Beteiligten ein beträchtlicher zeitlicher Vorlauf erforderlich ist.

Werfen wir nochmals einen Blick auf die strategische Dimension für unsere Volkswirtschaft: 11 Prozent der Messebesucher, d. h. knapp 300.000 Besucher reisten 2019 aus den Wachstumsmärkten Süd-Ost- und Zentralasiens nach Deutschland an. Auf die internationalen Messen werden von den Unternehmen schon aus Kostengründen primär Entscheider geschickt. Wer heute aus China, USA oder Australien auf eine Technologie-Messe nach Deutschland zu Besuch kommt, gehört in der Regel zur Führungsebene und verfügt über Budgetverantwortung. Viele dieser Messebesucher kommen mit dem eindeutigen Ziel hier bei uns einzukaufen.

Nachdem 2020 mit Ausnahme der wenigen Wochen am Jahresanfang für die Messebranche fast komplett abgeschrieben werden muss ist leider davon auszugehen, dass auch im Jahr 2021 keine einzige internationale Fachmesse auf deutschem Boden stattfinden wird. Den Ausstellern entgehen damit Millionen von Messekontakten zu potenziellen Kunden.

Nicht betroffen und trotzdem bankrott

Geschätzte 75 Prozent der Umsätze werden im Hightech-Bereich mit Produkten gemacht, die keine drei Jahre auf dem Markt sind. Zwei Jahre Stillstand sind daher im Messe-Business eine halbe Ewigkeit. Wer am hart umkämpften internationalen Markt für einen längeren Zeitraum überraschend nicht präsent ist, wird schnell vergessen. Das ist im Geschäftsleben nicht viel anders als bei Fernbeziehungen im privaten Bereich. Wenn die Partner sich auf längere Zeit nicht mehr persönlich sehen können, dann besteht schnell das Risiko, dass sich die Beziehung verläuft. Gelegenheit macht Liebe, trotz FaceTime, Teams und Zoom. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Während wir hier nach der Sommerpause diskutiert haben, wie viele Quadratmeter Hallenfläche pro Messebesucher bereitstehen müssen, um ausreichend „Distanz“ zu gewährleisten, haben die Chinesen erfolgreich zahlreiche Technologie-Messen mit teils über 100.000 internationalen Besuchern veranstaltet.

Sowohl die Messegesellschaften als auch die hinter den Fachmessen stehenden – als ideelle Träger fungierenden – Branchenverbände zeigen sich in Anbetracht dieser dramatischen Entwicklung verdächtig still, unterstützen zum Teil sogar die neuerlichen Einschränkungen. Bei ersteren ist das durchaus nachvollziehbar, sitzen hier doch meistens Vertreter aus der lokalen Politik im Aufsichtsrat, die es (noch) nicht riskieren die offizielle Linie aus Berlin kritisch zu hinterfragen, obgleich sie live Zeuge werden, wie das von ihnen beaufsichtige Unternehmen den Bach runter geht. In den Aufsichtsgremien herrscht allerdings vielerorts hektische Betriebsamkeit, eine Sondersitzung jagt die andere. Mit Personalabbau und frischem Kapital von den Gesellschaftern wird versucht, den nahenden Kollaps der Messegesellschaften zu verhindern.

Warum selbst große Branchenverbände mit einer primär mittelständischen Mitgliederschaft immer noch unterstützend hinter den Lockdown-Maßnahmen stehen und dem drohenden Zusammenbruch der nationalen Vertriebsplattform mehr oder weniger kommentarlos zusehen, ist hingegen unverständlich. Vermutlich sieht man die aktuellen Maßnahmen als das kleinere Übel, denn eine erneute Schließung der Kitas und Schulen hätte insbesondere für die Eltern unter den Angestellten, die zum jüngeren und oftmals sehr innovativen Teil der Belegschaften gehören, katastrophale Auswirkungen. Ob sich diese taktisch motivierte Stillhaltetaktik im Sinne der Mitgliedsunternehmen langfristig strategisch auszahlt, wird sich zeigen müssen.

Allen Beteiligten sollte jedenfalls dringend bewusst werden, dass das Attribut „light“ für diesen 2. Lockdown eine Mogelpackung ist und der Umfang der Kollateralschäden – wie in diesem Artikel dargelegt – kaum noch zu überblicken ist. Das wiederholte Ab- und Anschalten weiter Teile unserer Volkswirtschaft verursacht zunehmend strukturelle Schäden, was die Liste der tatsächlich betroffenen Unternehmen, unabhängig von der offiziellen Kategorisierung, quer durch alle Branchen tagtäglich weiter vergrößert. Vor diesem Hintergrund sollte die Angemessenheit der verordneten Maßnahmen dringend neu bewertet werden. Gesundheitsschutz und exportorientierte mittelständisch strukturierte Volkswirtschaft müssen auf anderem Wege in Einklang gebracht werden. Viel Zeit zum Umsteuern bleibt in einem international sehr dynamischen wirtschaftlichen Umfeld nicht mehr.

Von Milch und Butter zu Maschinenbergen

Wenn die exportorientierten Mittelständler kaum noch Neukunden akquirieren können und die Bestandskunden sich allmählich mangels persönlicher Kundenpflege anderen internationalen Anbietern zuwenden, dann wird in nicht allzu ferner Zukunft nur noch auf Halde produziert werden. Immerhin liegen hierzu schon Erfahrungswerte vor, denn Milch- und Butterberge beispielsweise wurden in der Vergangenheit ja auch schon von der EU bezuschusst und abgeräumt.

Vielleicht verfährt man zukünftig mit Unmengen unverkaufter Werkzeugmaschinen, Sensoren und Industrie-PCs vergleichbar: Am besten nach einer gewissen Standzeit auf dem Werksgelände – nach Erhalt der Ausgleichszahlung aus Brüssel – direkt ab in die Schrottpresse. Zumindest bei der Recycling-Quote werden wir dann Weltmeister sein. Und auch die Europäische Zentralbank (EZB) wird beim Gelddrucken ganz neue Rekorde einfahren.

 

Christian Demant ist Dipl.-Ing. Technische Kybernetik, arbeitet als Unternehmensberater und schreibt Fachbücher. Christian Demant war Mitte Mai an Corona erkrankt und ist sich der Gefährlichkeit der Krankheit bewusst. Erstveröffentlicht bei der Achse des Guten-


Autor: AchGut
Bild Quelle: Roland Arhelger - CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons


Donnerstag, 26 November 2020

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