Eine U-Bahnfahrt durch Köln: Wie tief kann man sinken?

Eine U-Bahnfahrt durch Köln: Wie tief kann man sinken?


„Ist das Herrschaftskunst oder kann das weg?“ fragte ich mich, als mich Anfang der Woche in Köln lokale Kulturprominente in Bussen und Bahnen mit flott gemeinten Sprüchen durch die Lautsprecher darauf hinwiesen, dass bei den Kölner Verkehrs-Betrieben (KVB) Maskenpflicht herrscht.

Eine U-Bahnfahrt durch Köln: Wie tief kann man sinken?

Die ach so freche Carolin Kebekus war die Erste, die mich daran erinnerte, dass „wir in Köln keine Assis“ seien und daher Maske tragen und es im Übrigen doch „scheiße“ sei, wenn das Ordnungsamt 150 Euro bekäme. Soso, dachte ich mir, aber seit Kebekus auf dem Weg ist, Anne Will als Trashtalkerin den Rang abzulaufen, wundert mich bei ihr nichts mehr. Nur eine Station später drangsalierte mich Gabi Köster auf Kölsch mit vermutlich ähnlichen Aussagen, die mir aber gottlob nur schwer verständlich waren. Ihr Tonfall ließ indes eindeutig darauf schließen, dass es auch ihr darum ging, die Ungläubigen zum Ge-…, nein, die Unvernünftigen zur Vernunft zu rufen.

Als ich dachte, es könne nicht schlimmer kommen, schlich sich Polit-Moral-Youtuber Rezo an mein Ohr und säuselte mir in das selbige, er wisse zwar, dass die Maskenpflicht manchmal nerve, aber es sei eben total wichtig, aufeinander achtzugeben. Sekundiert wurde Rezo dann noch von einem mir unbekannten Rapper namens Mo-Torres, der aber auch nichts dafür tat, um mir im Gedächtnis zu bleiben. Immerhin ein wenig künstlerisch verpackt schickte kurz vor der nächsten Haltestelle ein Kölschrocker namens Peter Brings die immergleiche Message in geradezu karnevalesker Reimform hinaus in die Köpfe: „An alle Kölsche Mädsche und alle Kölsche Junge: Wir wollen diesen Virus nicht, und darum herrscht hier Maskenpflicht.“ 

Als Frankfurter Bub fühlte ich mich von einer schweren Last befreit und war schon versucht, an meiner Virenburka zu zupfen und kurz tief durchzuatmen. Doch dann stockte ich kurz und fragte mich, ob nun eigentlich Alice Schwarzer dem Brings die fälschliche Maskulinisierung des eigentlich sächlichen Virus lautstark um meine bereits gereizten Ohren hauen würde. Doch zum Glück tat sie dies nicht. Wahrscheinlich hatte sie nichts dagegen, Corona männlich zu belassen, um die Corinnas dieser Welt vor noch mehr Diskriminierung zu schützen.

„Kickende Vollpfosten-Gemeinschaft“

Der Letzte im KVB-Prediger-Bunde auf dieser mir immer endloser erscheinenden U-Bahnfahrt durch Köln war ein Herr, der offensichtlich lokalen Stadionbesuchern ein Begriff ist. Auch er brachte seine stimmliche Autorität für den Beibehalt der Maskenpflicht in Stellung, ohne allerdings Ekstase auszulösen – aber wie auch, als Stadionsprecher beim Effzeh!

Als ich ihm ein zweites Mal lauschte, fiel mir auf, dass der Herr – ich hatte ihn zwischenzeitlich als Michael Trippel ergoogelt – ganz klar von der Maskenpflicht bei der „Ka Vau Geh“ sprach und sich wohl widerrechtlich zur KVB geflüchtet hatte. Meinte er etwa die Kasseler Verkehrs-Gesellschaft? Oder war dies ein Spot für eine Kapitalverwaltungsgesellschaft, am Ende für seine eigene? Unvorstellbar! Und so einigte ich mich naheliegend auf die von ihm moderierte „Kickende Vollpfosten-Gemeinschaft“ und fuhr fort, ermahnt und maskiert weiterzufahren. (Alle schulmeisternden Kölner KVB-Promis können hier nachgehört werden.)

Irgendwann war ich dann tatsächlich am Ziel angekommen und verließ das fahrende Klassenzimmer. Später zündete ich im Kölner Dom gedanklich eine Kerze für Wolfgang Niedecken an, der offensichtlich nicht um Unterstützung gebeten worden war und sicherlich noch heute darunter leidet. Auch dachte ich kurz an Lukas Podolski, der sich ja sonst auch immer gerne äußert. Das eigentlich Wichtige auf dieser U-Bahnfahrt durch Köln aber war mein Beschluss, dass ich als freier Autor und Kleinstbühnen-Kabarettist niemals so wenig verdienen und gar nicht so tief sinken könne, als dass ich mich der staatlichen Erziehungskultur andienen oder ihr gar meine Stimme leihen oder verkaufen würde. Dabei haben die genannten Promis das wahrscheinlich sogar gerne und für umme gemacht, weil ja aufeinander achtgeben so wichtig ist heutzutage.

Kultur hat eigentlich etwas damit zu tun, seinen eigenen Kopf einzusetzen – und nicht nur zum Nachplappern. Und es wird auch nicht dadurch besser, dass man das Vorgedachte mit Kebekus’scher Fäkalsprache pseudo-proletarisiert, und auch ein starker Dialekt macht das Gesagte noch längst nicht dialektisch. Es ist und bleibt Staatskultur, und das ist nichts Ehrenwertes, sondern etwas für Ehrenwerte und mithin gerade nicht aller Ehren wert, weil maximal für den Allerwertesten. Gerade in Corona-Zeiten sollten Kulturschaffende aufpassen, nicht zu kulturell Anschaffenden zu werden.

erschinen auf AchGUT


Autor: AchGut
Bild Quelle: By Bene16 - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4587411


Sonntag, 20 September 2020