Das Märchen von der Superspreaderin

Das Märchen von der Superspreaderin


Hier mein Vorschlag für das Unwort des Jahres: die Superspreaderin.

Das Märchen von der Superspreaderin

Von Rainer Bonhorst

Sie ist das Beispiel einer Hysteriegeburt, die sich vom Supermonster beim ersten Kontakt mit der Realität in ein Nichts auflöste. Eine Illusion, eine Fata Morgana, ein Phantasieprodukt. Es geisterte wie das Monster von Loch Ness durch die Medien und die Korridore der Politik. Real war nur die arme Frau, die nach einem Kneipenbesuch in Garmisch-Partenkirchen zur medizinischen Staatsfeindin Nummer eins hochgehypt wurde. Arme junge Frau. 

Arme Amerikanerin. Die 26-Jährige dürfte sich wie in Feindesland vorgekommen sein. Denn das kam den Erfindern der Superspreaderin gerade zupass. Dass sie eine Amerikanerin war, und damit unter dringendem Trump-Verdacht. Kein Wunder, dass der Gottseibeiuns von Washington/New York eine solche Ausgeburt der Hölle nach Deutschland exportieren würde. Sie kam wie gerufen.

Halb Garmisch-Partenkirchen soll sie angesteckt haben, weil sie unter Missachtung der strengen Corona-Regeln von Beisl zu Beisl gezogen sei. Eine Schneise der Corona-Verwüstung soll sie tornadogleich hinter sich zurückgelassen haben. Die Empörung breitete sich als Lauffeuer von Medium zu Medium aus. Politiker schlossen sich als apokalyptische Reiter der wilden Jagd an.

Allen voran natürlich Markus Söder, der Superschnelle. Er verdammte im Eiltempo die Arme als „Musterfall für Unvernunft“ und forderte „Konsequenzen“ und „harte Bußgelder“. Sogar die Staatsanwaltschaft wurde bemüht.

Und nun stellt sich die Frage, wo der „Musterfall an Unvernunft“ tatsächlich stattgefunden hat. Bei der Amerikanerin oder im deutschen Medien- und Politikerland? Denn tatsächlich ist die „Superspreaderin“, wie sich bald herausstellte, nicht von Kneipe zu Kneipe gezogen. Nach ihrem Corona-Test, dessen Ergebnis sie noch nicht hatte, hat sie wohl noch eine Wirtschaft besucht. Aber nichts weist darauf hin, dass sie dabei irgendjemanden angesteckt hat. Der Anstieg der Corona-Erkrankungen in Garmisch-Partenkirchen hat mit der armen Superbösewichtin, wie man jetzt weiß, nichts zu tun. Gor nix, um die Landessprache zu bemühen. Die ganze Aufregung, die offenbar um ein Vielfaches ansteckender war als das Corona-Virus, war a Schmarrn. Ein phantastisches Stück Hysterie mit einer Prise Antiamerikanismus.

Und jetzt? Vielleicht entschuldigt sich noch jemand bei der auf groteske Weise vorschnell und falsch Verdächtigten. Wie könnte so eine Entschuldigung lauten? Etwa so: Sorry, aber wir haben, wenn es um Corona geht, zur Zeit leider nicht mehr alle Tassen im Schrank.

 
Erstveröffentlicht bei der Achse des Guten

Autor: AchGut
Bild Quelle: Pixabay - Screenshot


Samstag, 19 September 2020