„Die letzte Adresse“: Stolpersteine für Opfer des Stalinismus

„Die letzte Adresse“: Stolpersteine für Opfer des Stalinismus


Das Projekt „Stolpersteine“ kennt fast jeder. An vielen Orten gibt es die kleinen in den Boden eingelassenen Platten, in denen Namen von Menschen eingraviert wurden, die während des Holocaust ermordet wurden. Beinahe unbekannt ist, dass es auch für die Opfer des stalinistischen Terrors eine Initiative gibt, die an die Ermordeten erinnern soll.

„Die letzte Adresse“: Stolpersteine für Opfer des Stalinismus

Letzte Adresse heißt das durch die Memorial-Stiftung gestartete Projekt, das seit 2014 in Russland für die Opfer des Stalinschen Terrors Gedenktafeln anbringt.

Damit gewürdigt werden ausschließlich Menschen, die sich selbst keiner Straftat schuldig gemacht hatten – weder in der kommunistischen Diktatur der Sowjetunion, noch im Nationalsozialismus.

 

Jetzt gibt es diese Initiative auch in Deutschland. Jüngst wurde eine Tafel in Naumburg angebracht. Sie bestehen aus einer Metallplatte mit den Lebensdaten einer quadratische Aussparung, die einen Leerraum bildet. Diese Tafeln werden nur mit der Zustimmung des Hauseigentümers an der Außenfront des letzten bekannten Wohnhauses angebracht.

2018 erhielt das Projekt in Deutschland einen Karl-Wilhelm-Fricke-Preis. Der breiten Öffentlichkeit ist es weitgehend unbekannt.

Zwischen 1950 und 1953 wurden allein in Sachsen-Anhalt 140 Menschen durch Sowjetische Militärtribunale zum Tode verurteilt.

Deshalb möchte ich hier auf die Rede des Sohnes von Dr. Sonnenschein hinweisen, die auf der Seite der Lagergemeinschaft Workuta dokumentiert wurde. Dr. Helmut Sonnenschein wurde am 16. November 1950 verhaftet , vom Sowjetischen Militärtribunal zum Tode verurteilt und am 4. Juli 1951 im Moskauer Butyrka-Gefängnis durch Genickschuss hingerichtet. Dr. Sonnenscheins Frau war bei seiner Verhaftung im sechsten Monat schwanger. Sie brachte sich und ihre drei Kinder als Lehrerin in Naumburg durch und hat nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion noch die Rehabilitierung ihres Mannes miterlebt.

Bei der Gedenkfeier, die 70 Jahre nach seiner Verhaftung an seiner letzten Wohnadresse in Naumburg stattfand, waren die Söhne Henk und Helmut anwesend. Die Tochter Ursula Sonnenschein starb vor einigen Jahren.

Hier die Rede von Dr. Helmut Sonnenschein:

“Verzeihen Sie, dass ich meine kurze Ansprache ablese. Als Wissenschaftler habe ich immer frei gesprochen, aber da ging es auch nicht um persönliche Dinge.Heute wird vor diesem Haus für unseren Vater eine Gedenktafel angebracht. Das Haus wurde von unserem Großvater Henri Sonnenschein, genannt Heinrich, gekauft und blieb in schwerer Zeit dank unserer Mutter und meines Bruders Henk im Familienbesitz. Es ist der Ort, an dem vor siebzig Jahren unser Vater, bevor er verschleppt wurde, letzte Tage und Stunden in Freiheit verbracht hat. Er wurde von deutschen Häschern hier am 16. November 1950 in einer verdeckten Aktion aus dem Haus gelockt, in ein Auto gesetzt, dem sowjetischen Militärgeheimdienst übergeben, in Hohenschönhausen verhört und gefoltert. Anschließend wurde er in der Berliner Normannenstraße von dem berüchtigten Militärtribunal 48240 verurteilt, daraufhin nach Moskau gebracht und dort, genau heute vor 69 Jahren und 13 Tagen, am 4. Juli 1951, erschossen. Seine Asche wurde, wie die aller im Jahr 1951 hingerichteten ‘Volksfeinde’, in einem Massengrab auf dem Donskoje Friedhof verscharrt.

Wir sind der Menschenrechtsorganisation Memorial und der Initiative ‘Die Letzte Adresse’ von Herzen dankbar, dass sich diese russische und inzwischen auch international tätige NGO die Aufgabe gestellt hat, der unschuldigen Opfer des Stalinismus in allen Ländern des ehemaligen sowjetischen Machtbereiches zu gedenken. Das ist nach den Ereignissen des 20. Jahrhunderts, vor allem nach den Verbrechen, die im deutschen Namen begangen wurden, alles andere als selbstverständlich. Und so habe ich die ausgestreckte Hand sehr gern ergriffen. Leider gehört heute auch wieder Mut dazu, in der russischen Föderation an die stalinistischen Verbrechen zu erinnern.

Der Mann, dem unser Gedenken gilt, wurde von seinem Vater, Jahrgang 1866, im Geiste des 19. Jahrhunderts erzogen. Nach allem, was wir aus Briefen und Dokumenten wissen, gehörte ein unabhängiger Geist, Aufrichtigkeit und Treue zu den charakteristischen Merkmalen unsres Vaters. In einem Brief vom 14. August 1944 schrieb er an seine Frau ‘Treue ist ohne Ziel, sie kann nicht schwanken, so kann das Herz nicht in der neuen Zeit, mit seiner Volksherrschaft und mit den Männern, die sie repräsentieren, mitgehen.’

Und so widerstand unser Vater auch nach der Machtergreifung Hitlers dem Antisemitismus und dem totalitären Machtanspruch des nationalsozialistischen Regimes. Die Treue zu seinen jüdischen Lehrern Professor Leon Lichtenstein und Professor Friedrich Levi, seinen jüdischen Kommilitonen Aurel Wintner und Trajan Schwarz kostete ihn die angestrebte akademische Laufbahn. In seinem Tagebuch aus dem Jahre 1944 ist zu lesen, dass das Hitlerattentat ‘nicht aus niederen Motiven geschah. Es waren Hochverräter, aber keine Verbrecher, denen der Wille zur Macht allein das Motiv ihres Handelns war’. Und in dem schon erwähnten Brief vom August 1944 stand weiterhin ‘Ich kann für das Deutschland in der Form des dritten Reiches, die es repräsentiert, wohl sterben, aber nicht dafür leben’.

Nach dem Krieg versuchte unser Vater 1947, wie er einmal schrieb, auf Augenhöhe mit den Sowjets, deren Soldaten er wegen ihrer Tapferkeit und Opferbereitschaft sehr schätzte, zusammen zu arbeiten. Zunächst in einem sowjetischen Forschungsinstitut in Berlin-Karlshorst, später, nach dessen Auflösung in den Leunawerken und der Agfa in Wolfen, beides sowjetische Aktiengesellschaften.

Doch die Wirklichkeit, erst in der SBZ und nach 1949 in der frisch gegründeten DDR, desillusionierte ihn zunehmend. Seinem in Westdeutschland lebenden Freund Fritz Wolf, der unseren Vater mit dem für die Heilung seiner TBC nötigen Penicillin versorgt hatte, schrieb er in einem Brief ‘Heute sollten alle parteilosen Werktätigen ihr Vertrauen zur SED durch Unterschrift bezeugen, ich habe es natürlich nicht getan’.

Zum Verhängnis wurde ihm aber ein Denunziationsbrief, den sein bereits verhafteter Dolmetscher, mit dem unser Vater seit seiner Zeit am Karlshorster Institut befreundet war, Herr Maximilian von Hamm, geschrieben hatte. Unser Vater hatte offenbar kein schlechtes Gewissen. Obwohl er von der Verhaftung Hamms wusste und sich einige Zeit später beobachtet fühlte, dachte er nicht an Flucht in den Westen. Sich unbemerkt aus unserem Grundstück, das bis ins Saaletal hinunter reicht, aus dem Staub zu machen, wäre ein leichtes gewesen. Und es war auch klar, dass für seine Frau, seinen 84-jährigen Vater, seine Schwiegermutter und uns Kinder, Ursula, 12 Jahre alt, Henk, 17 Tage zuvor gerade 6 geworden und mich, noch ungeboren, so oder so schwere Zeiten beginnen würden, egal, ob er sich nun einer Verhaftung entzog oder nicht. Aber er wusste von seiner Unschuld, die dann endlich, 44 Jahre später, im Jahre 1994 durch den Generalstaatsanwalt der Russischen Föderation mit der vollständigen Rehabilitation bestätigt wurde.

Wir danken allen, die uns geholfen haben, über das Schicksal unseres Vaters Gewissheit zu erlangen und die dazu beigetragen haben, die Erinnerung an unseren Vater wachzuhalten. Stellvertretend für die Vielen will ich hier nur Herrn Professor Wiemers nennen.

Möge das gemeinsame Gedenken an die Opfer der Totalitarismen des 20. Jahrhunderts zur Versöhnung in Wahrheit beitragen, Wunden schließen und uns daran erinnern, dass Freiheit und Demokratie nicht selbstverständlich sind. Wie wir leider in einigen Ländern der ehemaligen Sowjetunion, in Honkong und anderen Regionen der Welt sehen, bedarf das Brechtzitat von der Gefahr eines neuen Faschismus der Ergänzung, dass auch der Schoß, aus dem der Stalinismus kroch, noch fruchtbar ist.

Abschließend will ich aber in freier Übersetzung Zeilen aus einem Gedicht des tschechischen Literaturnobelpreisträgers Jaroslav Seifert, zu Beginn des Prager Frühlings niedergeschrieben, rezitieren:

Dass ich nun schon glauben will,

dass es möglich sein wird,

dem Mord ins Gesicht zu sagen

Du bist Mord.

Dass Niedertracht,

obgleich mit Lorbeer umkränzt,

wieder Niedertracht,

Lüge wieder Lüge ist,

so wie sie es waren.

Und dass kein gezückter Pistolenlauf

unschuldige Türen öffnet.”


Autor: Vera Lengsfeld
Bild Quelle:


Dienstag, 28 Juli 2020