Ihr habt so zu leben, wie wir es sagen!

Ihr habt so zu leben, wie wir es sagen!


Politiker und Medien schreiben uns immer mehr vor, wie wir zu leben haben, und seit einigen Jahren werden uns durch Exekutive und Legislative immer mehr Freiheiten und Rechte genommen: Das Recht, über die Verwendung unserer Steuermittel mitzubestimmen (Eurorettung durch EZB), die Freiheit, in sozialen Medien unsere Meinung zu äußern (NetzDG), das Recht, darüber zu bestimmen,

Ihr habt so zu leben, wie wir es sagen!

von Johannes Eisleben

wer unser Land betritt (Grenzöffnung) und neuerdings zahlreiche bürgerliche Freiheiten und Rechte (Covid-Maßnahmen). Der Prozess begann schleichend, doch sind wir den Weg in die Knechtschaft (v. Hayek, „Der Weg zur Knechtschaft", PDF) nun schon ein gutes Stück gegangen, was man sofort sieht, wenn man einen Bahnhof oder ein Geschäft betritt: Ohne jeglichen medizinischen Grund müssen wir dort alle Masken tragen, die uns unser menschliches Antlitz, ohne das wir als soziale Wesen nicht funktionieren, nehmen. Ja! Masken!

Als freie Menschen haben wir als US-Militärprotektorat nach dem Krieg mit der Bundesrepublik begonnen, nun sind wir dabei, wieder Knechte (serfs) zu werden und in Angst vor dem Staat und unseren Mitmenschen zu leben. Wie konnte es dazu kommen und wie lange soll das noch weitergehen?

Eine lange Vorgeschichte

Bis zur Erfindung der Logoskultur im antiken Griechenland haben Menschen danach gestrebt, so zu leben wie ihre Vorfahren. Dies galt als bewährt, sicher und zukunftsträchtig. Ein gutes Beispiel dafür ist das alte Ägypten. Dieses Reich währte mehr als dreitausend Jahre und wurde extrem konservativ regiert. Echnaton, der – sicherlich davon motiviert, die Priesterschaft aus Machtpositionen zu verdrängen – im 14. Jhd. v. Chr. kurzzeitig eine Vorstufe des Monotheismus einzuführen versuchte, scheiterte mit seinen Reformen, nach seinem Tod ging man zum bewährten Polytheismus zurück, mit dem man dann noch mehr als 1.500 Jahre bis zum Untergang des Reiches weitermachte.

Mit der griechischen Logoskultur begann sich das konservative Verständnis von Kultur und Gesellschaft zu wandeln, kulturelle Veränderung wurde erstmals positiv bewertet und die Eigenschaften verschiedener Herrschaftsformen mit ihren Vor- und Nachteilen explizit reflektiert (bei Plato und Aristoteles). Der Antrieb für Veränderungen der Regierungsform blieben aber Machtkonflikte zwischen verschiedenen Gruppen der antiken Gesellschaft. Der Gedanke der gezielten Veränderung der Gesellschaft war der Antike fremd. Vielmehr setze man auf Kontinuität, was selbst beim Übergang von der römischen Republik zum Prinzipat, der uns als drastischer Wechsel der Herrschaftsform erscheint, deutlich wurde. Das Prinzipat wurde zur Restauration der Republik nach den Bürgerkriegen stilisiert und das Kaiseramt als nicht-erbliches Ausnahmeamt verstanden. Zahlreiche republikanische Rechte blieben den Bürgern erhalten.

Erst in der Neuzeit begann man zu glauben, politische Veränderungen ließen sich gezielt planen und umsetzen, der politische Rationalismus setzte ein. Ein wichtiges Beispiel ist die Gegenreformation im 16. Jahrhundert. Die katholische Kirche begann mit dem Tridentinischen Konzil, die Reformation zurückzudrängen, und die Habsburger wendeten große Mittel auf, um dieses Ziel zu erreichen, was in ihren Kernländern auch gelang. Doch dauerte es noch weitere 200 Jahre, bis die Sozialkonstruktivisten auftraten. Das waren Denker, die propagierten, es ließe sich eine neue, bessere und gerechtere Gesellschaft aus Postulaten planen und gezielt konstruieren.

Die Sozialkonstruktivisten

Wichtige Pioniere des Sozialkonstruktivismus waren Francois Babeuf, Jean-Jaques Rousseau, Pierre-Joseph Proudhon, Henri de Saint-Simon sowie Robert Owen. Der wichtigste Denker dieser Richtung ist bis heute Karl Marx. Viele von ihnen waren auch Vordenker der Soziologie (den Begriff schuf August Comte), einer neuen Wissenschaft, die sie mit dem fortschrittsgläubigen Ziel betrieben, die Gesellschaft zu analysieren, um sie zu verbessern.

Dieses zuerst in Frankreich ausformulierte Denken hat die Moderne zutiefst geprägt, heute ist es weltweit dominierend, man kann sagen, dass es eines der wichtigsten Motive der Moderne ist, selbst bei einem ihrer Gegner wie Martin Heidegger. Konservative Alternativmodelle, die das historische Gewordensein der kulturellen Artefakte und gesellschaftlichen Strukturen betonen und die Fruchtlosigkeit und Gefahren des Versuchs der Planung menschlichen Zusammenlebens aufzeigen wie Edmund Burke, Georg Friedrich Wilhelm Hegel, Michael Oakeshott, Arnold Gehlen oder Friedrich August von Hayek, sind heute absolut unmodern, sie werden routinemäßig als veraltet abgetan oder sogar als “Nazidenker” und “Rassisten” diffamiert.

Für die meisten Menschen ist es heute selbstverständlich, dass wir abstrakte gesellschaftliche Ziele formulieren und diese dann mit politischen Maßnahmen umzusetzen versuchen. Je weiter diese Ziele der Natur des Menschen und den Gesetzen der Physik widersprechen, desto radikaler sind die Maßnahmen, mit denen sie umgesetzt werden und desto lauter ist das Propagandagetöse, das damit einhergeht.

Beispiel Klimarettung

Ein gutes Beispiel dafür ist die sogenannte “Klimarettungspolitik”, ein Musterstück des Sozialkonstruktivismus. Eine kleine, aber einflussreiche Gruppe hat postuliert, wir verbauchten zu viel Energie und dies führe über den Ausstoß von Kohlendioxid zur globalen Erwärmung, einer Katastrophe für die ganze Menschheit. Daher müssten wir die Gesellschaft fundamental ändern, den Energieverbrauch pro Kopf und insgesamt reduzieren und die Energie mit sogenannten “erneuerbaren Energiequellen” produzieren. Dafür werden erhebliche Steuermittel aufgewendet und Zwangsmaßnahmen beschlossen: Das EEG, das den Strompreis künstlich erhöht, um Wind- und Sonnenenergie zu subventionieren, Gesetze zur Steigerung der “Energieeffizienz” in Gebäuden und zahlreiche Maßnahmen zur Reduktion des Anteils von Verbrennungsmotoren am Individualverkehr und Transport. Die Prämissen sind wissenschaftlich nicht bewiesen, einzig sicher ist, dass wir eine globale Erwärmung erleben, die aber auch als Rückkehr zur Normaltemperatur des Holozäns gesehen werden kann. 

Die Klimarettungsmaßnahmen kosten Freiheits- und Eigentumsrechte, es kommt zu einer Umverteilung von unten nach oben, da die steigenden Strom- und Transportpreise für die Unterschicht und untere Mittelschicht, relativ gesehen, viel mehr ausmachen als für die obere Hälfte der Einkommenspyramide. Die Maßnahmen werden seit Jahrzehnten von einem massiven Propagandagetöse begleitet, das immer lauter wird und vor dem Einspannen von Kindern für politische Propagandaziele nicht zurückschreckt. Dies kennen wir sonst nur aus totalitären Regimes.

Doch gebracht haben die Maßnahme praktisch nichts. Die 342 Milliarden EUR für die Reduktion der Heizenergie sind verpufft, die mehr als 500 Milliarden EUR zur Reduktion des Treibhausgasausstoßes haben kaum etwas gebracht und bei Transportemissionen hat sich europaweit auch nichts getan. Dies liegt im Wesentlichen daran, dass – selbst wenn die These vom anthropogenen Klimawandel richtig wäre –  erstens die Menschen ihre Lebensgewohnheiten nicht ändern, sondern der Energieverbrauch pro Kopf weltweit immer weiter steigt, und zweitens es physikalisch unmöglich ist, den Energiebedarf allein durch “erneuerbare Energien” zu decken.

Sie halten an den Utopien fest

Doch Sozialkonstruktivisten ficht das nicht an, sie halten auch angesichts von Rückschlägen hart an ihren utopischen Zielen fest. Leider ist der Sozialkonstruktivismus aber tödlich, er hat in der Praxis hunderte von Millionen Tote in Europa, Russland, Asien, Afrika und Lateinamerika gefordert. Die schlimmsten und radikalsten Beispiele sind der Nationalsozialismus, der Sowjetkommunismus und der asiatische Sinokommunismus, unter dem bis heute Menschen in China, Vietnam und Nordkorea leiden.

Wie begründen Sozialkonstruktivisten angesichts dieses Elends aber, dass man weitermachen muss mit der Planung und Durchsetzung einer besseren Gesellschaft? Das Hauptargument lautet, man habe es bisher nicht richtig versucht oder es seien die falschen Mittel gewählt worden. So jammerte schon der Nominalist, Volksutopist und Nazitheoretiker Martin Heidegger in seinen Tagebüchern, die Nazis hätten durch ihre unzureichende Politik die Chance vertan, das deutsche Volk wieder zu seinem eigentlichen Sein zu führen.

Von seinen Nachfolgern bei den Grünen, den heute führenden Sozialkonstruktivisten, hören wir, der DDR-Sozialismus oder Sowjetkommunismus hätten es halt falsch gemacht, man müsse es eben besser machen und das sei letztendlich nur an der Wurzel durch Abschaffung der Familie mit Hilfe eines staatlichen Erziehungsmonopols möglich.

Sozialkonstruktivisten sind machtbesessen, sie hassen, wie schon ihre ersten neuzeitlichen Vorgänger, die Habsburger, dezentrale Strukturen und politische Willensbildung von unten nach oben, sondern wollen top-down bestimmen, wie es wo lang geht. Das zentrale Argument gegen dieses „social engineering“ hat Friedrich August von Hayek vorgetragen. Er erkannte, dass zentrale Planer nie die Bedürfnisse und Handlungsabsichten der Menschen erfassen, berücksichtigen und umsetzen können, sondern dass Menschen innerhalb eines staatlich garantierten Rechtsrahmens frei interagieren müssen, um eine möglichst hohe Befriedigung aller zu erreichen. Doch als würdige Nachfolger Rousseaus misstrauen die Sozialkonstruktivisten der vulgären “volonté de tous” (Wille aller), sondern wollen mit Hilfe einer elitären Regierung (in der DDR nannte man es Zentralkomitee, Jürgen Habermas nennt es „herrschaftsfreien Diskurs“) die edle “volonté générale” (gemeinsamer Wille) durchsetzen.

Wir müssen sie noch eine längere Zeit aushalten

Leider ist der Sozialkonstruktivismus derzeit dominierend. Daher hat es auch keinen Sinn, an ihm “Gesellschaftskritik” zu üben – es ist ein kultureller Megatrend, der nun erstmals seit der französischen Revolution und der ersten modernen totalitären Herrschaft unter Napoleon weltweit die Politik zu bestimmen scheint. Denn anders als im Kalten Krieg gibt es zum Sozialkonstruktivismus keinen Gegenentwurf mehr, alle Regierungen betreiben ihn – mit unterschiedlichem Ausmaß der Entrechtung und Verknechtung.

Natürlich sind China, Nordkorea, Kuba, Venezuela und ein paar andere klassisch-sozialistische Ländern darin weiter als die EU, die USA, die Schweiz oder das Vereinigte Königreich. Doch überall sind die Medien vollkommen sozialkonstruktivistisch, Gegenstimmen werden diffamiert oder in den Sozialen Medien gelöscht, gesperrt oder zumindest in den Shadow-Ban, eine moderne, milde Form der Reichsacht, getan. Die Gegner des Sozialkonstruktivismus müssen, wenn sie sich öffentlich äußern, auch mit ökonomischen Repressionen rechnen – Verlust des Arbeitsplatzes, Verlust von Kunden, Kaltstellung. In diesem Klima werden Regierungen dazu getrieben, den Sozialkonstruktivismus durchzuziehen, auch wenn sie es prinzipiell nicht wollen – dafür ist der britische Premier Boris Johnson ein gutes Beispiel.

Und die ehemals freien Bürger sind bereit, dies mitzutragen – aus wohlstandsgenährter Gleichgültigkeit, aus Gewohnheit, sich der Macht zu unterwerfen oder weil sie, wie etwa ein Fünftel bis ein Viertel der Bevölkerung, selbst überzeugte Sozialkonstruktivisten sind.

Und was kann die Gegenöffentlichkeit tun? Sie kann die Zustände beschreiben – so lange sie dazu noch die Freiheit hat – und geistiges Material für eine spätere Wende bereitstellen. Dabei braucht man Geduld, es kann lange dauern, wie die Geschichte des intellektuellen Widerstands gegen das Ancien Régime in Frankreich zeigt: Seit 1720 schrieben die Freimaurer gegen die pervertierte Monarchie an, aber die meisten erlebten deren Ende nicht mehr. Die Reformation brauchte noch länger: Von der Verbrennung Jan Hus‘ beim Konzil von Konstanz bis zu Luthers Anschlag der 95 Thesen dauerte es mehr als hundert Jahre. Aber unsere Zeiten sind schnelllebiger, vielleicht erleben wir die Wende noch.

 

erschienen auf AchGut


Autor: AchGut
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Freitag, 10 Juli 2020