Der Innenminister und die Kolumnistin

Der Innenminister und die Kolumnistin


Bundesinnenminister Horst Seehofer will Strafanzeige gegen taz-Kolumnistin Hengameh Yaghoobifarah stellen. Diese hatte am Montag vor einer Woche eine Kolumne in der taz veröffentlicht, in der sie unter dem Titel „All cops are berufsunfähig“ als Reaktion auf den gewaltsamen Tod George Floyds ins Horn des Polizisten-Bashings blies.

Der Innenminister und die Kolumnistin

Untertitel ihres Beitrags: „Falls die Polizei abgeschafft wird, der Kapitalismus aber nicht: Was passiert dann mit all den Menschen, die heute bei der Polizei sind?“ Die Autorin dekliniert ein paar mögliche Ausweich-Berufe durch, kommt aber zu dem Schluss, dass „der Anteil an autoritären Persönlichkeiten und solchen mit Fascho-Mindset in dieser Berufsgruppe überdurchschnittlich hoch“ sei und ausgemusterte Polizisten daher auf die „(Müll)Halde (gehören), wo sie wirklich nur von Abfall umgeben sind“. Im Kapitalismus, versteht sich. Das ist die Pointe des kleinen Textes und ich glaube, Sie stimmen mit mir darin überein, dass wir alle seit Lenin und Stalin nicht mehr so herzlich gelacht haben.

Die Kolumne löste jedenfalls eine hitzige Debatte aus: Die deutsche Polizeigewerkschaft erstattete Anzeige, ebenso wie die Gewerkschaft der Polizei. Constantin van Lijnden fragte in der FAZ: „Warum bringt die „taz“, die sonst gerne gegen ‚Hass im Netz‘ anschreibt, Texte, die – mit vertauschten Feindbildern, ansonsten wortgleich – in rechten Hetzblättern stehen könnten?“ Aram Ocker stellte im Freitag trocken fest: „Als erste Schreibübung wäre das Produkt sicherlich geeignet, der Produzentin klar zu machen, dass Satire so nicht geht.“ Ansonsten erschien ihm Yaghoobifarahs Text jedoch als mögliches, wenn auch sprachlich verunglücktes ironisches Gedankenexperiment, das seiner Meinung nach nicht ihre persönliche Auffassung widerspiegele. Der Autor Schlecky Silberstein ging im Deutschlandfunk noch einen Schritt weiter und attestierte den Kritikern der taz-Kolumne zu wenig Hirnschmalz: „Wir können nicht den geistig Geringsten zum Maßstab dafür machen, wie wir unsere Texte verfassen. Dann sind wir eine relativ dumme Gesellschaft.“

Taz-Chefredakteurin Barbara Junge entschuldigte sich und gab sich angesichts des Disputes diplomatischMenschen als Müll zu bezeichnen, widerspricht dem Selbstverständnis einer Zeitung, die sich einer menschlicheren Gesellschaft verschrieben hat. (…) Ein Kolumnenbeitrag in der taz steht nun dafür in der Kritik. Satire darf fast alles – und greift manchmal in ihrer Wortwahl daneben. Niemand in der taz bezeichnet Menschen ernsthaft als Abfall. Autorinnen oder Autoren, die selbst mehrfach zum Ziel rassistischer Beleidigungen und Bedrohungen geworden sind, können gleichwohl ein anderes Verhältnis zu dem Thema haben und das in emotionalere und zugespitztere Worte fassen als Autorinnen oder Autoren ohne entsprechende Erfahrungen (…)“

Horst Seehofer holte zu einem unerwarteten Schlag aus

„Die hässliche Fratze der hasserfüllten Linken“, postete nicht zuletzt die CSU erbost auf Twitter und vergaß nicht, ein Foto der Autorin beizufügen, die sich eher durch eine herbe Schönheit auszeichnet. Im Hintergrund des Beitrages waren Ausschreitungen beim G20-Gipfel in Hamburg zu sehen. Die CSU hatte also mittels einer Fotomontage einen direkten Zusammenhang zwischen dem Text der Autorin und Revolten gegen die Staatsgewalt hergestellt.

Als daraufhin Beschwerden eintrudelten – beispielsweise von der Vizepräsidentin im schleswig-holsteinischen Landtag, Aminata Touré (Die Grünen) – erschrak die Partei jedoch vor ihrer eigenen Courage und löschte den Beitrag. Es war nicht das erste Mal, dass die CSU als Tiger startete und als Bettvorleger endete.

Am gestrigen Montag dann holte jedoch Horst Seehofer zu einem unerwarteten Schlag aus und drohte mit einer Klage gegen Hengameh Yaghoobifarah. Angesichts seiner Begründung staunt man nicht schlecht: „Eine Enthemmung der Worte führt unweigerlich zu einer Enthemmung der Taten und zu Gewaltexzessen, genauso, wie wir es jetzt in Stuttgart gesehen haben.“

Derartige Diskussionen gehören ins Feuilleton

Unser Innenminister fühlt sich also angesichts der Ausschreitungen in Stuttgart derart ohnmächtig, dass ihm nichts Besseres einfällt, als den Text einer taz-Kolumnistin zu ahnden, um darüber hinwegzutäuschen? Das kann doch wohl nicht sein Ernst sein! Die Sache hat sich jedoch zu einer derart delikaten Affäre gemausert, dass er darüber in vertraulichen Gesprächen mit der Kanzlerin steht.

An Witz und Geschmack der Kolumnistin Yaghoobifarah müsste in der Tat noch gründlich gefeilt werden, damit ihr Text als Satire durchgehen könnte. Überhaupt zeigt ihre publizistische Vergangenheit, dass sie scheinbar einen pathologischen Hang zur Beleidigung hat. Deutsche bezeichnet sie notorisch als „Kartoffeln“ oder „Almans“. Heterosexuelle sind für sie „Heten“. Und auch sonst scheint sie wenig mehr zu können, als ihr Diversity-Programm abzuspulen und bei jeder Gelegenheit die deutsche „Dreckskultur“ oder „weiße Menschen“ pauschal als minderwertig abzufertigen (siehe etwa ihre Kolumnen „Weißsein ist eine Droge“, „Kartoffelgerichte“ oder „Welche Kartoffel bist Du? Der Test!“ Als fast schon aberwitzig intolerant muss wohl ihr Beitrag „Fusion Revisited: Karneval der Kulturlosen“ gelten).

Spontan würde ich darauf tippen, dass aus ihren Texten ein großes Maß an eigener, kompensierter Verletzung spricht. Doch derartige Diskussionen gehören ins Feuilleton und nicht auf die Agenda eines Innenministers. Und um die verlorene Ehre der Polizei kann diese sich am besten selber kümmern, wie die Klagen der Polizeiverbände beweisen.

Horst Seehofer sollte stattdessen bei seinen Leisten bleiben, schließlich ist er mit einer mehr als anspruchsvollen Aufgabe betraut: gründliche Ursachenforschung im Fall Stuttgart zu betreiben und sich um die innere Sicherheit zu kümmern. Vielleicht fragt er auch mal bei der Polizei nach, was man in puncto Kriminalitäts-Prävention aus ihrer Sicht strukturell verbessern könnte. Damit wäre den von Frau Yaghoobifarah beleidigten Beamten bestimmt besser gedient als mit einer Verlegenheitsklage.

 

Zuerst erschienen auf der Achse des Guten.


Autor: Ulrike Stockmann
Bild Quelle:


Dienstag, 23 Juni 2020